Ins Bild setzen
12 Menschen, 12 Geschichten aus der Einheitsgemeinde Gerbstedt im Landkreis
Mansfeld- Südharz, Sachsen-Anhalt.
Warum?
Seit Jahren haben wir in der Nähe vom schönen Halle (Saale) einen alten Kleinbauernhof, pendeln zwischen Heidelberg und dem kleinen Dorf Freist, das zu Gerbstedt gehört.
350 Menschen leben hier. Ältere Bewohner und Bewohnerinnen berichten von früher, der Zeit vor der Wende: den Trauben von Menschen, die im "Dorfkrug" am Tresen standen, von vollen Tanzsälen, Parties, den 3 Kneipen, wo das Bier nur zu floss. Von Obstsammelstellen. Vom Konsum, der Kita, der LPG, wo man arbeitete. Vom regen Leben in Gerbstedt: von Stadtfesten, Veranstaltungen Geselligkeit.
Und heute? Viele Dörfer sind wie ausgestorben. Aber: Es tut sich auch was: der Dorf- und Heimatverein bringt Leben ins Dorf. Hanka Rackwitz, bekannt aus Film und Fernsehen, bringt mit ihrem Partner Pierre den "Dorfkrug" zum Rocken!
Der MDR Sachsen-Anhalt hat über uns berichtet!
https://www.ardmediathek.de/video/mdr-sachsen-anhalt-heute/gerbstedt-kunstlerinnen-erzahlen-geschichten-in-fotos/ard/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy9hMTZhODY4Mi0zNGU3LTQwMjYtODZmOS04ZWFhODNiMTlmZTY
Wir werden sichtbar.
Ein grosses Fest im März fand statt. Mitten im Dorf, in einem alten Gutshaus. Es kamen Besucher und Besucherinnen vom Ministerium in Magdeburg, Freunde aus Heidelberg und Berlin, Menschen vom Dorf zu einem wundervollen Fest!
Unser Projekt wird
im Rahmen des BEQISA Förderaufrufs
"Miteinander - für ein lebenswertes Quartier 2025" gefördert vom
Land Sachsen-Anhalt, der BEQISA und Pia e.V.

HARTMUT (OESTE)

Hartmut Henning lebt mit seiner Frau in Zabitz.
Er hat die mehr als 100 Jahre alte Stellmacherwerkstatt seines Vaters geerbt. Hier hat sein Grossvater Besen- und Spatenstile, Holzräder und landwirtschaftliche Geräte aus Holz gefertigt.
Neben den vielen modernen Werkzeugen ist Vieles in der ordentlichen Werkstatt noch Original: Zum Beispiel der Schinder, auf dem Holz bearbeitet wurde, eine Langlochbohrmaschine, eine Hobelbank, eine Bandsäge und eine Oberfräse. Da hängen aber auch Zeichnungen seiner Enkel, eine Micky Maus Zeichnung und viele Kalender.
„Ich habe in vielen anderen Regionen gearbeitet, aber mich hat hier nie was weggezogen.“ sagt Hartmut Henning.
Was im Dorf fehlt? „Mehr Einigkeit, so wie früher, und vor allem eine Einkaufsmöglichkeit im Dorf. „
„Denn“, so sagt er, „die Leute im Dorf arbeiten nicht mehr wie früher hier und kaufen nach der Arbeit woanders ein. Da hat ein kleiner Laden keine Chance.“
Aber die alten Menschen, die nicht mehr arbeiten, für die wäre eine Einkaufsmöglichkeit wichtig. Und dass die Dorfkneipe mit der Bowlingbahn wieder aufmacht, das wäre toll. (Anmerkung: Der Dorfkrug hat tatsächlich wieder aufgemacht!)
Ehepaar Rubel (Elben)

Ein schwerer Schicksalsschlag. Deswegen suchte das Ehepaar Rubel aus Halle eine Veränderung. Ein Haus auf dem Land, ein schöner Garten, das war der gemeinsame Wunsch. Die letzte Anzeige, die sie sahen, das war es: Ein Grundstück in Elben, völlig verwildert, aber wunderschön.
Umgeben von Grün, eine kleine Strasse führt vorbei ins ruhige Tal.
„Ein Haus ist ein Haus, wenn es vier freistehende Wände hat," sagt Herr Rubel.
Das ist ihm wichtig, denn, im Reihenhaus wohnen, wo der Nachbar auf die Kaffeetasse schaut – das wollten die beiden nicht.
"Wir haben uns gleich sehr wohl gefühlt", sagt sie, "alle im Dorf waren sehr hilfsbereit."
Die beiden haben das grosse Glück, „den Lottogewinn“ sagen sie, dass ihre
Tochter mit ihrem Ehemann im Nachbarhaus wohnen und beide sich sehr kümmern.
Was wünschen sie sich fürs Dorf?
Dass der „Dorfkrug“ im Nachbarort Freist wieder öffnet, das wäre schön.
Denn: ein Ort der Begegnung fehlt und ist sehr wichtig.
AKKI (FREIST)

Akki ist Musik. Nur: Wie beschreibt man Musik? Wie geht das? Von leichten, zarten Tönen, vom langsamen knackenden Öffnen einer Kaffeebohne in der Röstpfanne, vom Summen der Bienen, ja, für manchen ist auch der Duft von Pfirsichen ein Klang.
Die Berührtheit des Zuhörers, wenn Akki den Kontrabass spielt. Wenn er erzählt vom tiefen Friedenswunsch. Oder auch: von grosser Wut, von Leichtigkeit und Schwermut, von geselligen Abenden beim Entenbraten in der Küche bis hin zur tiefen Einsamkeit.
Und dann aber auch, Organisation von schöner Musik im Sommer: Eine Fahrt durchs grüne Saaletal, rote Felsen, weite Felder, dann kleine Dörfer entlang der Saale, über die Fähre nach Wettin, alte Strassen voller Leerstand, kalte Rolläden, die schief hängen.
Der Ort: die letzte Templerkapelle Europas, oder die schöne Kirche von Wettin, und der Besucher wird verzaubert, in einer anderen Welt, voller Klänge.
ANDREAS, REIDEWITZ

Pferde...
Die spielten immer eine ganz grosse Rolle für Andreas. Pferdewirt hatte er gelernt, aber auch viel Anderes gemacht.
Und dann packte die Leidenschaft auch seine Tochter und Frau. Sie kauften einen grossen Hof. Es gab viel Platz und viel Grün.
Viel musste getan werden: Mauern abgetragen, Mauern aufgebaut, Böden gestampft, Dächer neu gemacht werden, Treppen abgebeizt..die Familie machte das fast alles in Eigenarbeit.
„Wir wurden gut im Dorf aufgenommen und fühlen uns hier wohl.“ sagt seine Frau, "man muss sich halt auch einbringen, ich bin sehr aktiv."
CARLA, FREIST

Uckermark, Australien, Brüssel, Leipzig.
Carla lebte schon an vielen Orten.
In Brüssel studierte sie Trump l´oeil Malerei - die Kunst der Illusion.
Ein Jahr stand sie fast jeden Tag über 8 Stunden in einem Atelier mit vielen anderen, lernte Steine, Holz und Edelsteine zu imitieren.
Eine Technik, die kaum noch jemand beherrscht.
Sie kam wegen des Dorfkrugs nach Freist. Zusammen mit 2 Freunden aus Leipzig führten sie die im Dorf und der Umgebung legendären Kneipe. Zum Dorfkrug sind die Leute schon zu DDR vom 5 km entfernten Beesenstedt gelaufen. Wegen des Tanzsaals, der Feiern, dem Essen.
Mit Carla und ihren Freunden war das Essen gut, die Bowlingbahn belebt, es gab kulturelle Veranstaltungen.
Es lief.
Dann kam Corona.
Und damit war Schluss mit dem Dorfkrug.
Carla, ihr Freund und ihr Atelier blieben in Freist.
Lange haderte sie mit dem Ort: gehen oder sich hier ganz niederlassen?
"Ich werde jetzt ganz bleiben" sagt sie.
Es ist gut, sagt sie, dass es jetzt einen Heimat- und Dorfverein in Freist gibt. Da passiert was im Dorf, die machen viel und da kann sie sich einbringen.
EHEPAAR KIRSCH (FRIEDEBURG)

Im schönen Saaletal, kurz vor den roten Felsen durch die sich der Fluss zieht, liegt das Dorf Friedeburg.
Auf dem Berg liegt die Burg, daneben das Rittergut.
Direkt daneben, ein Tor, dahinter ein schöner Garten, der zum Eingang des Ateliers Kirsch führt.
Hier öffnet sich ein Zauberort, an dem sich ein Leben in Miniaturen ausbreitet. Wände voller kleiner Wunder, Bilder voller Erzählungen, die zur Entdeckung und zum Staunen einladen.
Ein Hund, Halle vor der Wende, Halle nach der Wende, Freunde, Familie, Freude, Trauer, Trost - das Leben eben.
„Wir machen alles zusammen,“ sagt er.
Er gestaltet das Holz, sie bemalt.
Beide haben als Chemiker gearbeitet und sind, als ihre Wohnung in Halle nach der Wende verkauft wurde, in das schöne Haus in Friedeburg gezogen.
Werkstätten. Ateliers, Bilder und zwei Menschen, die einen Zauber entfalten.
FALK (FREIST)

Falk ist der Grossneffe von Helmut Schmidt. Der Altbundeskanzler hat ihm früher Ghettoblaster und Lederjacken in die DDR geschickt.
Falk ist wahrlich der Don Juan vom Mansfelder Land.
Für jede Frau hat er ein schönes Kompliment parat.
Falk fährt jeden Tag mit seinem blauen Lader übers Land. Das Auto gehört zu ihm wie seine Enkelin, die er über alles liebt. Manchmal sitzt sie neben ihm vorne im Kindersitz, die dunkle Sonnenbrille auf.
Falk sammelt auch Blech. Deshalb hält er auf dem Foto einen Topfdeckel in der Hand. Denn, so hat man munkeln hören, spendet er den Verkaufserlös der Kita seiner Enkelin.
Er ist mit seiner grossen Familie, den vielen Kindern und Enkelkindern, seinem Land und dem Hof sehr verwurzelt in der Gegend.
FELICITAS (SAALETAL)

Einige Jahre ist es her, das zog Felicitas mit ihren beiden Kindern von Berlin ins schöne Saaletal. Hier hatte sie Freunde, hier fand sie es schön, hier kaufte sie ein Haus mit grossem Garten.
Es war nicht leicht für sie und die Kinder: weite Wege mit dem Auto, hohe Spritkosten, schlechte öffentliche Verbindungen. Ihr Sohn trug Blau im Haar, das kam nicht gut an. Für jeden Kurs der Kinder eine Fahrt im Auto.
Nun pendelt sie zwischen den Orten, in Berlin hat sie das pralle Großstadtleben, im Saaletal die Natur. Ihre Liebe gilt dem Schwimmen in der Saale und den Seen, den kargen Hügeln, der schönen Landschaft. Barfusslaufen den ganzen Tag.
Jeder kennt Felicitas, und sie kennt jeden. Sie ist durch jedes Dorf gefahren und hat alle angequatscht. Sie kümmert sich um hilfsbedürftige Menschen, ihr Haus steht offen für die Menschen.
Sie kennt die Unterschiede zwischen den Sommern, die hier herrlich sind, wenn die Wiesen duften, braune Kühe auf den Weiden grasen, Wildblumen blühen, aber auch den dunklen Wintern, wenn es um 4 Uhr stockfinster ist, Kälte in das Haus kriecht und das Leben einsam werden kann.
Deshalb weiss sie, wie wichtig es ist, dass sich Menschen hier helfen, sich zusammentun, einander kümmern.
Sie erzählt von den vielen alten Menschen, die Hilfe brauchen.
Sie weiss um die Wichtigkeit gemeinsamer Aktionen und Feste und die Bedeutsamkeit, Menschen sichtbar zu machen.
GÜNTER BEINERT (GERBSTEDT)

Geboren in Gerbstedt, baute er schon im Alter von neun Jahren aus Bauschutt und Beton Miniaturmodelle von echten Bunkern und Gefängnissen. Seine zukünftige Frau kam während des Krieges als Flüchtling (damals „Zugereiste“) von Schlesien nach Gerbstedt. Sie wohnten in seinem winzigen Werkstatt-Häuschen von 4×4 m, liebevoll „Häppchen“ genannt.
Sie begegneten sich beim Tanztee: Da sie so dünn aussah, bestellte er ihr spontan eine Bockwurst, forderte sie zum Tanz auf und wusste sofort, das wird’se. Von da an wurde ihr Spitzname: Wird’se.
Er arbeitete viele Jahre als Polier auf dem Bau und sagt heute: „Wir haben immer unseren Soll erfüllt.“
In Kriegszeiten gab es wenig Kleidung; er teilte sich Schuhe mit dem Cousin, tagsüber trug er sie, nachts wechselten sie die Füße.
Seine Schwiegermutter mochte die Aussicht vom Häuschen nicht, also baute er ihr als Maurer eine erste Burg aus Bauschutt und Beton im Vorgarten. Die Idee fand er auf Streichholzschachteln. Als Bauherr damals unerfahren, kippte sie nach einigen Jahren um; heute sitzt ein selbstgebauter Clown auf den Ruinen und grinst.
In den folgenden Jahren fertigte er mühevoll viele weitere Burgen und Schlösser sowie Miniaturmodelle von echten Lokomotiven und Regionalzügen. Über die Jahre entstanden mehr als 80 Miniaturmodelle von real existierenden Burgen und Schlössern und 42 Modelle von Lokomotiven aus Deutschland.
Ein neu angelegter Burgwanderweg verbindet heute alle Burgen und Schlösser miteinander.
Bertold, Elben

Wir erzählen hier ein wenig die Geschichte von Reinhardt, der auf dem Hof seines Schwiegersohns im schönen Elben lebt. Denn damit würdigen wir auch dem Schwiegersohn und seiner Frau, die tolle Konzerte, Veranstaltungen und leckerstes Bier auf ihrem wunderbaren Hof in Elben bieten.
Reinhardt war Anwalt in Halle. Nach der Wende war es nicht so einfach, er musste im Recht umlernen, um Anwalt bleiben zu können. Über 20 Jahre pflegte er zusammen mit seiner Tochter seine Frau.
Er zog auf den grossen Hof, auf dem seine Tochter mit ihrer Familie lebt.
"Halle ist ja nicht weit," sagt er.
Jede Ecke dieses riesigen Hofes ist schön.
Blumen an allen Ecken, Liebe überall.
Ein grüner Hof inmitten von Steinwänden ist der Ort für sommerliche Konzerte. Reinhardts Tochter gestaltet die kunstvollen Wandvorhänge und hält alles in Ordnung. Ihr Mann ist ein sehr bekannter Musiker.
Für den Winter gibt es einen eigenen Raum für Konzerte und im Winter einen Weihnachtsmarkt im Hof unter alten, grossen Bäumen.
RINGO, REIDEWITZ

Im schönen Dorf Freist, im Ortsteil Zabitz, lebt Ringo mit seiner Familie im ehemaligen Gutshaus Dryander.
Für den, er es betritt, entfaltet sich eine Wunderkammer.
Der Atem stockt vor lauter Staunen. Hier zeigt sich eine Welt voller Abenteuer und Magie.
Bücherregale bis oben an die hohen Decken.
Werke der Geschichte, der Philosophie, Gedichte.
Da sind Vitrinen voller wundersamer Steine, daneben eine Teekanne aus China aus wertvollem Material. Die Finger gleiten über die scharfen Kanten eines Megalodonzahnes.
Waffensammlungen von erlesenen Schwertern. Lanzen, Speere. Da sind Büffelköpfe an den Wänden, gesammelt auf der grossen Afrikatour zu Fuss von Ost nach West.
Ringo ist voller Gedichte, voller Wissen und Abenteuern.
Ein Staunen beginnt, eine Reise in andere Welten und Zeiten.
TIMO HOFFMANN (BÖSENBURG)

Timo, "die deutsche Eiche" : ehemaliger Europameister im Schwergewicht.
Sein Hof in Bösenburg: welche Schönheit tut sich hier auf!
Eine Leiter führt hoch ins Vogelhäuschen, das so gross ist wie ein Kinderbaumhaus.
Eine Scheune voller feinen Sandes, hier gab es früher Kinoabende.
Ein Raum, nur für Weihnachten.
Ein Fitnesstudio.
Ein schöner Garten, wild und traumhaft. Bienenstöcke, Johannisbeeren, wenig Worte.
Über allem ruht eine stille Zartheit.